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CfP: Wie untersucht man gesellschaftliche Spannungen als affektive Phänomene? Zur empirischen Erforschung von Affektivität

Call for Papers für eine Ad-Hoc-Gruppe im Rahmen des 40. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Berlin vom 14.-18. September 2020

News vom 25.03.2020

Organisatorinnen: Aletta Diefenbach (FU Berlin), Antje Kahl (FU Berlin), Elgen Sauerborn (Uni Hamburg)

Atmosphären, Intensitäten und Zuschreibungen von Emotionen sind wesentliche Bestandteile in der diskursiven Verhandlung gegenwärtiger gesellschaftlicher Spannungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich etwa zu den Vorfällen 2018 in Chemnitz mit den Worten: „Wir haben Videoaufnahmen darüber, dass es Hetzjagden gab, dass es Zusammenrottungen gab, dass es Hass auf der Straße gab, und das hat mit unserem Rechtsstaat nichts zu tun.“ Und weiter appellierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: „Lassen wir uns nicht einschüchtern von pöbelnden und prügelnden Hooligans. Lassen wir nicht zu, dass unsere Städte zum Schauplatz von Hetzaktionen werden.“

Darstellungen solcher affektiven Dynamiken haben oft etwas Vages, Undurchdringliches. Doch wenn von „spannungsgeladenen Situationen”, von „Stimmungen, die zu kippen drohen” oder von „nicht einschätzbaren Dynamiken” die Rede ist, – ebenfalls Schilderungen aus der Berichterstattung über die Proteste in Chemnitz – dann vermögen diese gerade in der alltäglichen Kommunikation komplexe soziale Vorgänge schnell und eindringlich zu vermitteln. Die Beschreibungen veranschaulichen die Intensität, in der anwesende Körper, Objekte und die damit verbundene Raum-, aber auch politische Ordnung als relationales Geschehen erlebt und gedeutet werden und handlungsmächtig wirken.

Der Blick auf die affektive Dimension des Sozialen ist deshalb geeignet, den spannungsgeladenen Wandel der politischen und sozialen Kultur Deutschlands zu dokumentieren.
In der Tat findet sich in gegenwärtigen Zeitdiagnosen (Reckwitz 2019) und für die Beschreibung politischer Stimmungen wie rechtsnationalistische Ressentiments auch immer häufiger der Begriff des Affekts. Doch das wachsende sozialwissenschaftliche Interesse an Affektivität wird bislang nur unzureichend durch empirische Erhebungen fundiert. Auch zu Fragen angemessener methodologischer Ansätze zur Erforschung von affektiven Dimensionen sozialer Phänomene finden sich bisher nur vereinzelte Arbeiten (Kahl 2019; Knudsen & Stage 2015).

Dieses Desiderat ist insofern nachvollziehbar, als prominente Perspektiven der affect studies Affekt oft als vorsprachliche und vorbewusst gefühlte Intensität konzeptualisieren und sich für die methodische Umsetzung nur wenig interessieren. Und fragt man aus sozialwissenschaftlich-methodischer Perspektive, was genau mit solchen Spannungen, Stimmungen und Dynamiken gemeint ist und woran sie empirisch festzumachen sind, fehlen häufig Antworten.
Die Ad-hoc-Gruppe geht diese Herausforderungen an. Ausgehend von der Perspektive auf gesellschaftliche Spannungen als affektive Phänomene sollen mögliche Vorgehensweisen der empirischen Erforschung diskutiert werden. Die konflikthaften, spaltenden oder antagonistischen Dimensionen verstehen wir dabei als nur einen Bereich der interessierenden affektiven Erscheinungsformen. Schließlich ist Affektivität, verstanden als sozialrelationales Geschehen, immer auch Bestandteil von dazugehörigen Inklusionsprozessen, z.B. in der Herstellung und Aufrechterhaltung von Gruppenidentitäten und Zugehörigkeitserfahrungen.

Die Ad-hoc-Gruppe ist offen für Beiträge, die den Affektbegriff entweder bereits empirisch verwendet haben, sich methodologisch mit der Anwendung des Begriffs auseinandersetzen oder sich ausgehend von empirischer Forschung der weitergehenden Theoretisierung des Affektbegriffs widmen. Geplant sind maximal fünf Vorträge à 15-20 Minuten, gefolgt von jeweils einer fünfminütigen Fragerunde zur Klärung von Verständnisfragen. Im Anschluss an alle Vorträge diskutieren wir im Plenum.

Die Beiträge können beispielsweise folgende Fragen und Probleme adressieren:
− Wie kann der Affektbegriff empirisch angewandt und methodisch umgesetzt werden?
− Welchen Aufschluss bieten unterschiedliche methodische Zugänge und Datensorten für die Weiterentwicklung eines für die Sozialwissenschaften nutzbaren Affektbegriffes?
− Worin besteht das Potential einer affekttheoretisch informierten und methodisch fundierten Perspektive zur Analyse sozialer Prozesse über die Beschreibungsebene hinaus?

Wir freuen uns über Einreichungen (maximal 500 Wörter) bis zum 22.05.2020. Bitte schicken Sie Ihre Vortragsvorschläge an die Organisatorinnen der Ad-Hoc-Gruppe:

Aletta Diefenbach: aletta.diefenbach@fu-berlin.de
Dr. Antje Kahl: antje.kahl@fu-berlin.de
Dr. Elgen Sauerborn: elgen.sauerborn@uni-hamburg.de


Literatur

Kahl, A. (2019) (Hrsg.): Analyzing Affective Societies. Methods and Methodologies. Routledge.
Knudsen, B. T. & C. Stage (2015) (Hrsg.): Affective Methodologies. Developing Cultural Research Strategies for the Study of Affect. Palgrave. Macmillan, Basingstoke.
Reckwitz, A. (2019): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Suhrkamp.

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