Trapattoni, Özdemir und jetzt Greta Thunberg: Wutreden - Gefühlsausbruch oder Rhetorik?

Jonas Bens, wissenschaftlicher Mtarbeiter in Teilprojekt A06, spricht mit Hendrik Plaß von Radio Bremen über aktuelle Ereignisse und 'Wutreden'.

Das Gespräch wurde am Dienstag, den 24.09.2019 um 17:10 Uhr live übertragen.

      

Hendrik Plaß: Zehn nach fünf, der Dienstagnachmittag auf Bremen Zwei. Und gestern auf dem Klimagipfel in New York müssen sich die anwesenden Staats- und Regierungschefs zeitweise selbst wie kleine Kinder gefühlt haben, als ihnen Greta Thunberg die Leviten las mit einer emotionalen Wutrede, die unter die Haut ging.

Greta Thunberg: People are suffering, people are dying. Entire eco-systems are collapsing. We are in the beginning of a mass extinction. And all you can talk about, is the money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you!?

Hendrik Plaß: Also da ging es wirklich emotional zu. Ich habe mich danach gefragt, ob diese Emotionen wirklich spontan bei ihr rauskamen zu den von ihr vorbereiteten Worten – sie hatte ja einen Zettel in der Hand – oder, ob sie die ganz bewusst aufgespart hat für diesen Moment. Aber am Ende sind es ja gerade diese Wutreden, die einem auf Dauer im Gedächtnis bleiben. Ob es nun eine Greta Thunberg ist bei einem so wichtigen Thema wie dem globalen Klima oder Giovanni Trapattoni, der sich als Bayern-Trainer über seine eigene Mannschaft ärgert. Über die Wirkung von Wutreden sprechen wir jetzt mit Jonas Bens auf Bremen Zwei, der an der FU Berlin genau zu diesem Thema forscht. Hallo Herr Bens.

Jonas Bens: Hallo Herr Plaß.

Hendrik Plaß: Wie haben Sie denn die Rede von Greta Thunberg gestern erlebt? Ging Ihnen da als Wissenschaftler das Herz auf?

Jonas Bens: Das ist natürlich ein tolles Beispiel für die Rolle von Wut in der Politik, oder Emotionen in der Politik. Ich glaube, aus wissenschaftlicher Sicht ist daran gar nicht so interessant, ob Greta Thunberg sich wirklich so gefühlt hat oder nicht, sondern vor allem wie sich die Leute fühlen, die sich Greta Thunbergs Rede angehört haben; und vor allem, mit welchen Begriffen sie diese Emotionen beschreiben. Also, Sie haben ja den Begriff „Wutrede“ benutzt. Wenn man sich jetzt aber Kommentare zum Beispiel im Internet ansieht, dann benutzen andere Leute auch ganz andere Begriffe. Leute, die vielleicht den Klimawandel leugnen, reden von Hass, den sie da gezeigt hat. Klimawandel-Aktivist*innen würden vielleicht sagen, sie hat da ihrer berechtigten Empörung Ausdruck gegeben. Donald Trump hat jetzt gesagt, sie wäre „unhappy“, also unglücklich. Wie diese Emotionsausdrücke von Greta Thunberg dann benannt und bewertet werden, trägt dann immer auch schon eine Bewertung der inhaltlichen Frage, also das worüber sie geredet hat, nämlich den Klimawandel, in sich.

Hendrik Plaß: Aber am Ende ist es auf jeden Fall eine emotionale Rede gewesen. Haben solche emotionalen Reden am Ende eine stärkere Wirkung auf uns, als wenn wir uns jetzt nur an sachlichen Argumenten orientieren?

Jonas Bens: Wenn jemand in seiner Rede oder in ihrer Rede besondere Emotionen oder starke Emotionen zeigt, zeigen Redner*innen an, dass das, was jetzt gesagt wird, besonders wichtig ist. Sie erzeugen Relevanz. Das ist ein Relevanzmarker, der emotionale Ausbruch. Und das erzeugt natürlich Aufmerksamkeit, weil Leute dann denken: „Oh, also das ist dieser Person jetzt aber besonders wichtig, was da jetzt gesagt wird.“ Und das ist ja auch passiert. Wir führen ja jetzt zum Beispiel ein Gespräch über diese Rede. Das heißt Aufmerksamkeit ist erzeugt. Aber das reicht natürlich noch nicht, um eine große Wirkung zu haben oder viele Menschen zu bewegen. Rednerinnen und Redner müssen es auch immer noch irgendwie schaffen, eine Beziehung zwischen ihnen, ihrem Emotionsausdruck, und den Zuhörern zu erzeugen. Wenn das dann passiert, wenn beide räsonieren, Redner*in und Zuhörer*in, dann können solche Reden natürlich eine große Wirkung haben. Es ist dann auch so, dass die Leute, die emotional mitschwingen, das, was gesagt wird, auch tendenziell für glaubwürdiger halten.

Hendrik Plaß: Heißt das denn, dass solche emotionalen Reden tatsächlich bewusst gesetzt werden? Also kann man eine, ich sage jetzt nochmal „Wutrede“ überhaupt vorbereiten?

JB: Also ich würde schon denken, dass auch Greta Thunberg das geübt hat. Dass Emotionen in der öffentlichen Rede, in der politischen Rede benutzt werden, das findet man schon in den frühsten Rhetoriktheorien. Es geht bis Aristoteles und noch früher zurück, dass gute Redner es irgendwie schaffen müssen, eine emotionale Beziehung mit ihren Zuhörer*innen aufzubauen und dann auch zu erhalten. Wenn sie das schaffen, dann schaffen sie es eben auch besser, ihre Zuhörerinnen und Zuhörer zu überzeugen. Das sehen wir ja auch in der Politik, dass Leute, die das gut können, auch in der medialen Massendemokratie erfolgreiche Politiker*innen sind und vielleicht sogar politische Konzepte durchsetzen können, die, wenn diese emotionale Beziehung nicht bestünde, vielleicht den Test der Glaubwürdigkeit oder Machbarkeit nicht bestehen würden. Ich glaube, Greta Thunberg weiß das auch gut einzusetzen.

Hendrik Plaß: Und das hat sie gestern getan. Die Wutrede und was sie bewirken kann, darüber haben wir mit Jonas Bens gesprochen, der an der FU Berlin zum Thema forscht und Erstautor des Buches The Politics of Affective Societes ist. Vielen Dank für das Gespräch auf Bremen Zwei.

Jonas Bens: Ich danke Ihnen.