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Adopting the mindset of a successful person: How Marathons of Wishes have taken over Russia, and what does it all mean?

21.04.2026 | 16:00

Tamara Kusimova (Central European University) im Gespräch mit Elgen Sauerborn (SFB „Affective Societies“)

Die Idee der Selbstoptimierung hat in Russland eine lange Tradition. Doch in den vergangenen zehn Jahren – im Kontext autoritärer Entwicklungen in der russischen Gesellschaft, die im Angriffskrieg gegen die Ukraine kulminierten – hat sich ein neues, hoch skalierbares Format rasant verbreitet: kurzfristige Online-Trainings im Bereich der psychologischen Selbsthilfe. Über soziale Medien intensiv beworben, sind diese Programme zu einer milliardenschweren Industrie angewachsen.

Eine der bekanntesten Figuren in diesem Feld ist Elena Blinovskaya. Ihrer eigenen Erzählung zufolge verwandelte sie sich von einer Hausfrau in eine Milliardärin, indem sie anderen beibrachte, „richtig zu träumen“ und ihre Wünsche zu verwirklichen. Über eine sorgfältig kuratierte Online-Präsenz, die einen luxuriösen Lebensstil und eine glückliche Ehe inszeniert, vermarktet Blinovskaya die Idee persönlicher Transformation – bereits ab 40 Euro. Ihre Marke, Marathon of Wishes, umfasst Motivationsvorträge, Selbsthilfeübungen und Meditationspraktiken.

Ausgehend von den Inhalten des Marathon of Wishes sowie von Blinovskayas umfassender medialer Präsenz – darunter Instagram-Beiträge, Interviews und Talkshow-Auftritte – untersucht Tamara Kusimova das Verständnis von Selbst und sozialen Beziehungen, das in diesen Materialien zum Ausdruck kommt. Indem sie zeitgenössische Selbsthilfe als kulturelles Instrumentarium begreift, analysiert sie, wie Individuen dazu angeleitet werden, sich über ihre Fähigkeit zu begehren („das wünschende Selbst“) sowie über ihre Wahrnehmung von Beziehungen als bewussten Austausch materieller und immaterieller Ressourcen zu verstehen.

Im Gespräch mit der Soziologin Elgen Sauerborn wird Tamara insbesondere die normative Dimension dieses Ansatzes in den Blick nehmen: also dessen Potenzial, eine spezifische Form der Arbeit am Selbst sowie ein bestimmtes Verhältnis zur Gesellschaft innerhalb eines klar umrissenen ethischen Horizonts zu etablieren. Obwohl lokal verortet, reproduzieren diese Materialien globalisierte Vorstellungen einer wünschenswerten Zukunft, die sich um unternehmerisches Selbstverständnis, finanziellen Erfolg und postfeministische Geschlechternormen drehen. Zugleich positionieren sie sich in einem transnationalen Markt digitaler Selbsthilfe- und Spiritualitätsangebote, die in Zeiten wachsender Ungleichheit und sozio-politischer Unsicherheit versprechen, individuelle Zukunftsperspektiven zu gestalten.

Tamara Kusimova ist Doktorandin am Department of Sociology and Social Anthropology der Central European University und Research Fellow am IGREC. Ihre Forschung bewegt sich im interdisziplinären Feld von Kultur und Kognition und beschäftigt sich insbesondere mit Chancen und Barrieren sozialer Aufwärtsmobilität.

Elgen Sauerborn ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB „Affective Societies“. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Soziologie von Emotionen und Affekten sowie auf Wissenssoziologie, mit einem besonderen Fokus auf soziale Ungleichheit und Klasse.

Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.

Zeit & Ort

21.04.2026 | 16:00

Freie Universität Berlin, Seminarzentrum, Silberlaube, Otto-von Simson-Sr. 26, room L116