Poiesis des Filme-Sehens: Fokusgruppe

Fokusgruppe vom 20.–21. Februar 2017

Fokusgruppe vom 20.–21. Februar 2017

Fokusgruppe vom 27.–28. Februar 2017

Fokusgruppe vom 27.–28. Februar 2017

Fokusgruppe vom 06.–07. März 2017

Fokusgruppe vom 06.–07. März 2017

Die theoretischen Ausgangsfragen des zweiten Forschungsschritts, insbesondere die Frage nach Funktion der Filme in Prozessen der Gemeinschaftsbildung, ist eng verbunden mit dem filmtheoretischen Konzept einer Poiesis des Filme-Sehens. Dieser Begriff meint einerseits den Umstand, dass filmische Bilder nicht als Artefakte vorfindlich sind, sondern immer schon die Interaktion von Bildprojektion und verkörpernder Wahrnehmung voraussetzen; d.h. das filmische Bild entsteht erst in dieser Interaktion. Die Poiesis des Filme-Sehens schließt also die Dichotomie von Rezeption und Produktion in sich ein.

Dieses Verhältnis von Filme-Sehen und Filme-Machen wird dann besonders greifbar, wenn man Filmemacher*innen als eine Gruppe privilegierter Zuschauer*innen versteht, die das Wahrnehmen von audiovisuellen Bildern auf vergleichsweise direkte Art mit dem Hervorbringen ebensolcher Bilder in Verbindung bringen. In der Arbeit mit einer entsprechenden Fokusgruppe von Filmemacherinnen und Filmemachern (Buket Alakuş, Ayşe Polat und Serkan Çetinkaya) konnte die Kernthese des Projektes präzisiert werden, dass sich die Taktiken der Aneignung kultureller Ausdrucksformen eines Sense of Communality paradigmatisch als Umarbeitung der Erfahrung mit dem Konsum audiovisueller Bilder in eigene filmische Bilder beschreiben und definieren lässt. (zum Bericht)

Präzisieren ließ sich auch die These, dass die Geschichte von Migration immer auch eine Geschichte der Migration kultureller Wahrnehmungs- und Sensibilitätsmuster ist, die sich mit vorgefundenen audiovisuellen Bildern zu einem (medialen) Erfahrungsraum verbinden, in dem sich die unterschiedlichsten kulturellen Zugehörigkeiten formieren können. Dieser Raum bezeichnet also keineswegs eine per se bereits geteilte Wahrnehmungswelt (etwa die der Community von Bürgern der Bundesrepublik Deutschlang mit familiären Verbindungen zur Türkei): vielmehr ist dieser mediale Erfahrungsraum immer schon durchzogen von unterschiedlichsten Strategien der Konsolidierung migrierender kultureller Identitätsmuster (etwa Videotheken mit Schwerpunkt auf Filme aus der Türkei) und Taktiken der Aneignung einer vorgefunden audiovisuellen Kultur, auf die sich höchst partikulare und disparate Gemeinschaftsbildungen beziehen.

Literatur:

Hermann Kappelhoff (2018): Kognition und Reflexion. Zur Theorie filmischen Denkens, Boston/Berlin.

Hauke Lehmann (2017): Die Produktion des „deutsch-türkischen Kinos“. Die Verflechtung von Filme-Machen und Filme-Sehen in LOLA + BILIDIKID und TIGER – DIE KRALLE VON KREUZBERG“, in: Ömer Alkın (Hg.): Deutsch-Türkische Filmkultur im Migrationskontext, VS Verlag: Wiesbaden, S. 275–297.