Korpusanalyse: Pathosszenen

Still aus Almanya Acı Vatan (Deutschland, Bittere Heimat), 1979

Still aus Almanya Acı Vatan (Deutschland, Bittere Heimat), 1979, R: Şerif Gören, Zeki Ökten

Still aus Shirins Hochzeit, 1976, R: Helma Sanders-Brahms

Still aus Shirins Hochzeit, 1976, R: Helma Sanders-Brahms

Still aus Gegen die Wand, 2004, R: Fatih Akın

Still aus Gegen die Wand, 2004, R: Fatih Akın

Die Kritik am Begriff des "deutsch-türkischen Kinos" galt es zunächst ganz praktisch im Zuschnitt unseres Untersuchungsgegenstandes umzusetzen.

Zunächst wurde der für die Analyse relevante Korpus von Filmen, TV-Serien und Internet-Formaten sowohl historisch als auch in seiner medialen Konfiguration neu definiert. Ausgangspunkt der vergleichenden Analyse waren jene Spielfilme, die mit dem Label „deutsch-türkisches Kino“ verbunden sind. Gestützt auf die im Vorfeld bereits erarbeiteten digitalen Instrumente und deskriptiven Methoden der Filmanalyse (eMAEX) wurde im ersten Durchgang der Korpusanalyse eine taxonomische Qualifikation audiovisueller Pathosformen hinsichtlich spezifischer Affektdomänen (Freude, Trauer, Thrill etc.) vorgenommen.

Im Ergebnis der Korpusanalyse können wir nachweisen, dass die Filme sich zwar höchst unterschiedlicher genrepoetischer Modalitäten (Komik, Horror, Melodram, Suspense) bedienen, sich aber auf ein und dasselbe Konfliktfeld von Inklusion und Exklusion beziehen. Filmanalytisch unterscheiden lassen sich dabei Muster des Eintretens in das Unbekannte, des Herausgehobenseins aus einem Miteinander, des harmonischen Eingebundenseins in eine bekannte/verkannte Umwelt sowie des Abgetrenntseins von einem gemeinschaftlich geteilten Kontext – Muster, die wir als Pathosszenen kategorisieren.

Auf der Grundlage der vergleichenden Filmanalysen treten, neben den Bezügen auf die Genrepoetiken des westlichen Kinos, bzw. des deutschen Fernsehens, auch solche pathetischen Muster in den Blick, die auf den Transfer audiovisueller Poetiken aus Film-, Fernseh- und vor allem Videoproduktion der Türkei zurückweisen.

Literatur:

Hauke Lehmann (2017): Die Produktion des „deutsch-türkischen Kinos“. Die Verflechtung von Filme-Machen und Filme-Sehen in LOLA + BILIDIKID und TIGER – DIE KRALLE VON KREUZBERG“, in: Ömer Alkın (Hg.): Deutsch-Türkische Filmkultur im Migrationskontext, VS Verlag: Wiesbaden, S. 275–297.

Nazlı Kilerci, Hauke Lehmann (2018): Beyond Turkish-German Cinema. Affective Experience and Generic Relationality, in: Birgitt Röttger-Rössler, Jan Slaby (Hg.): Affect in Relation. Families, Places, Technologies, London/New York, S. 259–280.