Neue Publikation: Dilger, H. (2026). Crumbling certainties: Doing anthropology in a crisis-ridden contemporary — and future. Kulturanthropologie Notizen, 87
Gewissheiten bröckeln — und mit ihnen die Grundlagen, auf denen sozial- und kulturanthropologische Forschung und Praxis lange ruhten. In seinem neuen Artikel in Kulturanthropologie Notizen nimmt Hansjörg Dilger diese Erfahrung des Zerbrechens zum Ausgangspunkt, um zu fragen, was es heute bedeutet, anthropologisch zu arbeiten — analytisch, methodisch und professionell — in einer Welt, die von wachsendem Autoritarismus, Klimawandel, der Erosion akademischer Autonomie und den prekären Bedingungen internationaler Forschungskooperationen geprägt ist.
News vom 13.07.2026
Ein zentraler Gedanke des Textes: Wer auf Affekte achtet — auf die gefühlten, verkörperten Dimensionen sozialer Erschütterungen — macht sichtbar, was explizite Aussagen und offizielle Dokumente oft verbergen. Eine affekttheoretische Perspektive, so Dilger, ermöglicht es, nachzuverfolgen, wie Machtungleichgewichte und divergierende Interessen an der Schnittstelle politischer, wirtschaftlicher und institutioneller Strukturen erlebt und ausgehandelt werden — und wie kollaboratives Wissen durch Prozesse entsteht, die immer auch sinnlich, relational und umkämpft sind.
Auf der Grundlage von über siebzehn Jahren ethnografischer Forschung — zu moralischer Erziehung in Tansania, zu Flucht- und Ankunftserfahrungen in Deutschland, zu den verkörperten Dimensionen der Pandemie und zu dekolonialen Auseinandersetzungen mit ethnografischen Sammlungen in Berlin — argumentiert Dilger, dass kollaborative und öffentlich orientierte Forschung nicht nur eine methodische Entscheidung ist, sondern eine politische und professionelle Notwendigkeit. Angesichts des weltweit erstarkenden Autoritarismus sei der Aufbau nachhaltiger Wissensinfrastrukturen jenseits akademischer Institutionen unerlässlich — nicht nur im „Globalen Süden“, sondern ebenso im „Globalen Norden“, wo Räume für Kontroverse, Unsicherheit und Experimentation zunehmend schwerer zu schützen sind.