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Vom Gerichtssaal in den For-You-Feed – Gisèle Pelicot als feministisches Vorbild: Margreth Lünenborg im Corso-Podcast des DLF

„Der Pranger ist es durchaus als ein extrem rigide soziales Instrument, wo man ausgesprochen vorsichtig sein muss, dass öffentliches Beschämen nicht ersatzweise zu einem Gerichtsverfahren stattfindet“. 

News vom 18.02.2026

In diesem Interview reflektiert die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg die medialen und kulturellen Dynamiken rund um den weltweit viel beachteten Fall von Gisèle Pelicot. Auf Grundlage einer systematischen Analyse Tausender Social-Media-Posts – insbesondere auf TikTok – zeigt sie, wie Pelicots öffentliches Auftreten im Gerichtssaal einen Prozess der „Ikonisierung“ ausgelöst hat, in dem ihr Bild zu einem starken Symbol des Widerstands gegen geschlechtsspezifische Gewalt wurde.

Lünenborg diskutiert, wie sich digitale und analoge Öffentlichkeiten in solchen Fällen verschränken, und zeigt, dass soziale Medien zugleich Solidarität verstärken, öffentliche Bildungs- und Aufklärungsprozesse über sexualisierte Gewalt ermöglichen und Praktiken des Beschämens von Tätern befördern können. Zugleich betont sie die Ambivalenz dieser Dynamiken: Öffentliche Empörung und Sichtbarkeit führen nicht automatisch zu strukturellen Veränderungen.

In einem weiteren Sinne hebt das Gespräch die Rolle von Popkultur und digitalen Plattformen bei der Formierung zeitgenössischer öffentlicher Debatten hervor. Soziale Medien stehen zwar häufig wegen Polarisierung und Desinformation in der Kritik, können aber ebenso als Räume von Ermächtigung, kollektiver Deutung und feministischer Mobilisierung fungieren – auch wenn tiefgreifendere Veränderungen geschlechterbezogener Machtverhältnisse letztlich über mediale Debatten allein hinausreichen.

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