Neue Publikation: Jandra Böttger über die gefühlte Abschaffung des Anderen im Theorieblog
In ihrer Lesenotiz zu Dagmar Herzogs Buch „Der neue faschistische Körper“ untersucht Jandra Böttger die affektiven Dynamiken gegenwärtiger faschistischer Politik. Im Zentrum steht Herzogs These, dass Faschismus nicht nur über offen mobilisierte Gefühle wie Hass, Angst oder Ekel funktioniert, sondern ebenso über Prozesse der Desensibilisierung und emotionalen Abstumpfung.
News vom 22.05.2026
„Faschistische Politik operierte – und tut es heute ebenso – über ein Nichtfühlen und affektive Abstumpfung. Desensibilisierung wird dann selbst zu einer affektiven Strategie mit höchster Wirksamkeit, anstatt einfach nur ein Nebenprodukt und Konsequenz eines politisch grausamen Systems zu sein. Diese ‚ungefühlten‘ Affekte strukturieren Wahrnehmung und Empathie mindestens ebenso wirksam wie offen mobilisierte Emotionen.“
In ihrer Lesenotiz zeichnet Jandra Böttger nach, wie Dagmar Herzog aktuelle rechte Mobilisierungsstrategien — etwa antimuslimische Hetze, Ableismus oder antiinklusive Politik — historisch mit affektiven Strukturen des Nationalsozialismus verbindet. Besonders eindrücklich ist dabei die Analyse einer „affektiven Doppelstrategie“: Während intensive Emotionen mobilisiert werden, werden Empathie, Solidarität und Sensibilität für Verletzlichkeit systematisch demobilisiert.
Die Lesenotiz verbindet Herzogs Analyse mit Ansätzen der Affekttheorie von Raymond Williams bis Lauren Berlant und fragt danach, wie sich faschistische Atmosphären, „Vibes“ und Formen atmosphärischer Gewalt bereits in alltäglichen Wahrnehmungen und gesellschaftlichen Gefühlsstrukturen einschreiben. Dabei wird deutlich: Faschisierung beginnt nicht erst mit expliziter Gewalt, sondern oft als schleichende Veränderung dessen, was Menschen fühlen, verdrängen oder nicht mehr wahrnehmen wollen.